Ampera – Sinn und Unsinn

Mein Lieblings Automobil Schreiberling Tom Grünweg (aka Thomas Geiger, Tom Debus, Benjamin Bessinger) hat auf Spiegel Online einen Bericht zum neuen Opel Ampera geschrieben, der eigentlich ab Januar 2017 zu bestellen sein soll(te).

Der Artikel titelt mit „Jetzt reicht’s“ und startet auch direkt so:

Mit einem Akku-Auto sorglos durch den Alltag? Genau das will Opel jetzt mit dem neuen Elektro-Modell Ampera E möglich machen. Und tatsächlich – der erste Praxistest ergab erstaunliche Resultate.

Tom Grünweg geht seinen Test wie immer an, man ahnt was kommt. Erst darf der Hersteller seine Argumentation zum Besten geben. Dann wird in Ermangelung eines offiziellen Kaufpreises, anhand des norwegischen Preises, ein möglicher deutscher Preis abgeleitet. Anschließend endlich der Praxistest. Wider Erwarten, fängt Grünweg heute mal nicht mit der Verarbeitung und Spaltmaßen an, sondern widmet sich direkt der Reichweite. Potzblitz: In der vorgesehenen Anzeige lassen sich – trotz niedriger Temperaturen (ähm, der Test findet in Spanien statt) – 400km ablesen. Das ist bei einer NEFZ Reichweite von 520km gar nur 25% weniger. Tusch und Trommelwirbel. Ein Lob von Tom geht Opel sich runter wie Öl.

Und dann …

Am Ende der Fahrt über Autobahn und Landstraße und durch Stadtverkehr, mit drei Leuten an Bord und permanent laufender Klimaanlage, standen 269 Km auf dem Tageskilometerzähler, die verbliebene Reichweite betrug 79 Kilometer, rechnerisch also 348 Kilometer.

Stellt sich doch gleich nochmal die Frage nach den niedrigen Temperaturen. Da waren wohl eher die Minusgrade am Heimatflughafen gemeint, oder? Wenn mir es kalt ist, drehe ich eher die Heizung auf, als die Klimaanlage. Aber jeder Jeck ist anders. Gut. Das Auto hat also im spanischen Verkehr – vermutlich ohne Geschwindigkeitsübertretungen – 269km geschafft und war bereit für 79 weitere. Das ist gar nicht schlecht, wenn man weiß wie typische Autotester Elektroautos testen. Logische Konsequenz des Autors ist, der Ampera scheint Alltagstauglich zu sein: Tesla steht nicht mehr alleine da. Juhu!

Es folgt noch etwas oberflächliches blabla zum Thema Alltagstauglichkeit. Das Auto sei geräumig aber gut verarbeitet, wenn auch nicht qualitativ so hochwertig wie beispielsweise der i3 von BMW.

Und dann der Abschnitt „Das muss man wissen„. Akkutechnologie, Motorleistung, Kühlkissen für den Akku (BTW: kann es auch heizen? Im Winter braucht der Akku eher Wärme als noch mehr Kälte) und die Aussage

Der riesige Akku hat auch Nachteile. Nicht nur, weil er den Preis in die Höhe treibt, sondern weil er auch Geduld an der Steckdose erfordert. Eine volle Ladung dauert so lange, dass Projektleiter Hannappel nur über Zwischenschritte spricht. „Am Schnellader gibt es in 30 Minuten Strom für 150 Kilometer, an der Haushaltsteckdose während 30 Minuten Energie für sechs bis zwölf Kilometer Fahrt.“ Rechnet man das um, hängt der Ampera E im Extremfall mehr als 40 Stunden an der Strippe, ehe der Akku wieder voll ist.

Ok, 40 Stunden. Macht doch nichts. Cooles Auto. Nein, Tom Grünweg, das braucht man sicher nicht kritisch zu hinterfragen. Warum das so ist und ob das wirklich so Alltagstauglich ist. So etwas unkritisches habe ich selten gelesen. Anstatt dem Hersteller hier in die Pflicht zu nehmen und ihn damit zu konfrontieren, dass es halbwegs doof ist, ein für den Heimatmarkt des Plattformbruders passendes Ladekonzept 1:1 für den europäischen Markt zu übernehmen. Man könnte hier Vorsatz unterstellen und sehr kritische Fragen stellen. Könnte man, muss man nicht.

Auch wenn ich die Reichweite nicht habe und wahrscheinlich niemand diesen Eintrag lesen wird, übernehme ich jetzt mal die kritischen Fragen.

Das – eigentlich erfreuliche – Gesamtkonzept des Opel Ampera macht in der aktuellen Form sehr wenig Sinn. Mit dem großen Akku richtet sich das Auto eigentlich vor allem an Vielfahrer, z.B. Berufspendler mit größeren Strecken oder Langstreckenfahrer. Aber nur letztere können das Auto auch entsprechend nutzen, sofern eine entsprechende Ladeinfrastruktur existiert.

Berufspendler, die häufig Heimlader sind, kommen mit dem Konzept schnell an die Grenzen. Angenommen man entnimmt dem Auto Energie für 200km und rechnet Lade- und Vampirverluste dazu (sagen wir mal 20km), müsste man das Auto mehr als 18 Stunden laden, um es wieder voll Einsatzbereit zu haben. In meinen Augen ist das unrealistisch. Und es wäre so einfach zu lösen (einfach die in Europa verfügbaren 3 Phasen nutzen).

Mit den Szenarien bleiben dann eigentlich nur noch zwei Zielgruppen: Die oben beschriebenen Vielfahrer auf Langstrecke mit passender Infrastruktur und Wenigfahrer (30-50km), die mit ihrem Ladeverhalten sehr flexibel sind und nur selten auch mal lange Strecken fahren. Die fahren dann allerdings fast immer einen zu großen und schweren Akku in der Gegend spazieren und bezahlen diesen auch noch teuer, ohne ihn zu brauchen. Das wäre so, als wenn man auch bei Kleinwagen einen 150 Liter Tank einbauen würde, nur damit man im Zweifelsfall mal entlegene Orte erreichen kann. Zeitliche Flexibilität kann dabei eigentlich auch kein Argument sein, wenn ich zwei Tage vor Fahrtantritt anfangen muss zu laden. Wäre es für solche Fahrer nicht viel sinnvoller, ein günstigeres Auto mit kleineren Akku zu fahren und dafür bei den längeren Strecken Kompromisse (bessere Planung, mehr Stopps, andere Verkehrsmittel) einzugehen?

Liebe Opel Verantwortlichen: Da habt Ihr ein grundsätzlich stimmiges Fahrzeugkonzept und wagt jetzt schon den zweiten Versuch in der E-Mobilität. Warum macht Ihr Euch nicht die Mühe, den europäischen Markt und die bestehende Konkurrenz genauer zu beobachten?

Beobachtung am Rande

Das Thema hat anscheinend eine gewisse Relevanz, es gibt auf Spiegel Online ganz schön viele Kommentare. Viele notorische E-Mobilität-Ablehner werden dank des unkritischen Artikels leider sehr bestätigt.

 

danielm

 

2 Gedanken zu „Ampera – Sinn und Unsinn

  1. „Wenn mir es kalt ist, drehe ich eher die Heizung auf, als die Klimaanlage.“

    Klimaanlage bedeutet: Anlage, die das Klima reguliert. Viele/die meisten Klimaanlagen können wahlweise heizen oder kühlen. Wenn die Klimaanlage nur zum Kühlen da wäre, würde sie wohl „Kühlanlage“ heissen.

    Klugscheiss-Mode off.

    1. Hi Stefan. Da hast Du natürlich völlig recht 🙂
      Aber wie kalt kann es in Barcelona schon gewesen sein? 10° Grad? Vielleicht 5° Grad? Prinzipiell sind das Temperaturen, die jetzt nicht so extrem auf den Akku gehen, oder?

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